Als ich im Frühjahr 2016 von einem Besuch des 300-Seelen-Dorfs Hauteroda im Thüringer Kyffhäuserkreis in unsere Lebensgemeinschaft Schloss Tonndorf im Weimarer Land zurückkehrte, fragte ich mich, ob das jetzt »Thema verfehlt« war oder der Anfang von etwas Grundlegendem.

Bürgermeister Eichholz hatte mir in Hauteroda leerstehende, gemeindeeigene Gebäude gezeigt: ein Fachwerkhäuschen, die ehemalige Gaststätte, ein nur wenig genutztes Kulturhaus und die einstige Dorfschule. Zugleich erzählte er von vielen Höfen im Ort, die bereits leer stünden, und weiteren, in denen nur noch alleinstehende alte Menschen lebten. Er wollte eigentlich nur meinen Rat als Architekt, aber nach jahrelangem eigenen Erleben eines wachsenden Ökodorfs konnte ich irgendwann gar nicht anders, als weiterführende Fragen anzusprechen: »Bei welcher Kinderzahl habt ihr euren Kindergarten geschlossen?«, »wieviel Land besitzt die Gemeinde, wieviel die Kirche?«, »wie wird es bewirtschaftet?«, »wie weit ist die nächste Grundschule entfernt?«

Im Anschluss ging es um Lösungen: Wir sprachen von landsuchenden, frisch ausgebildeten Bio-Landwirt*innen, denen Gemeinde und Kirche durch Pachtland ermöglichen, heimisch zu werden. Von den Höfen, die dann wiederbelebt und ausgebaut würden, und von Unterstützung für ein würdevolles Altern im Dorf; dass sich ein einfach gehaltener Waldkindergarten schon bei einer Zahl von 12 bis 15 Kindern ermöglichen lässt und dies wieder zwei Erwachsenen Arbeit gibt. Von durch Bürger*innen betriebene Genossenschaften, in die die Menschen vor Ort investieren und gemeinsam eine Photovoltaik-Anlage für das Dorf, ein Nahwärme-Netz, den Ausbau leerstehender Gehöfte oder einen Dorfladen betreiben können; und dass in einer Dorfkneipe vormittags mit dem vor Ort angebauten Gemüse das Essen für die benachbarte Schule und für einen gemeinsamen Dorf-Mittagstisch, an dem die Kinder des  Waldkindergartens, die Senior*innen sowie die vor Ort Beschäftigten zusammenkommen, gekocht und damit die geringere Auslastung an Wochentagen kompensiert werden kann. Von »Mitfahrbänken« und Dorfkinos, von der gemeinsamen Pflegen der Streuobstwiesen und von einer Pflanzenkläranlage als Lösung für die fehlende Abwasserklärung. Bürgermeister Eichholz hatte an diesem Nachmittag zugehört und mitgeträumt, und doch war ich nicht sicher, ob er etwas davon aufgreifen würde. Zwei Tage darauf rief er an. Ob ich das noch mal erzählen könne – diesmal wolle er die aktiven Menschen aus den Vereinen dazu einladen.

Eine buntgemischte Initiative

Heute – vier Jahre später – bin ich dankbar für diesen Besuch in einem Dorf, das von den heute leider normal gewordenen Problemen ländlicher Räume so deutlich gezeichnet war. Dieses Erlebnis inspirierte mich, im Rahmen von GEN Deutschland gemeinsam mit Gleichgesinnten mehrere durch das Umweltbundesamt geförderte Kooperationen zwischen jeweils einer Mitgliedsgemeinschaft und einem gewachsenen Dorf aus deren Region auf den Weg zu bringen – eine Arbeit, die bis heute anhält (siehe auch Newsletterartikel zu „Leben in zukunftsfähigen Dörfern“, Anm. d. Red.). Zudem hat es mich tiefer und tiefer ins Thema »Dorf- und Regionalentwicklung« hineingeführt – auch vor der eigenen Haustür. Denn wie viele andere Ökodörfer auch, kam meine Lebensgemeinschaft auf Schloss Tonndorf in den letzten Jahren in eine Phase, in der die Aufbaujahre gemeistert waren. Ruhigeres Fahrwasser war erreicht, jetzt gab es Zeit, den Blick zu heben und in intensiveren Austausch mit unserem Umfeld zu treten.

Im Februar 2017 telefonierte ich mit dem Bürgermeister unseres Nachbardorfs. In unserem etwa 5×15 Km großen, von Wald umsäumten Tal im südlichen Weimarer Land liegen vier Dörfer; Nauendorf ist eines davon. In den anderen dreien hatte ich Bekannte direkt angesprochen. Menschen, von denen ich wusste, dass sie sich für eine zukunftsfähige Entwicklung unserer kleinen Region würden einsetzen wollen. Zu Nauendorf hatte ich bisher keine engeren Verbindungen, und so fragte ich den Bürgermeister, ob er mir geeignete Menschen empfehlen könne. Nach längerem Zuhören war seine freundliche Gegenfrage, ob er auch selbst mitwirken und seine Frau mitbringen könne.

Und so kamen wir bald darauf zusammen: eine Hebamme, ein Forstwirt, ein Banker, eine Yoga-Lehrerin, ein Tischler, eine Köchin, ein Zimmerermeister, eine Lehrerin, eine Landschaftsarchitektin und ein Naturfotograf. Heute sind wir gut zwei Dutzend Menschen, eine von Bürger*innen getragene Initiative für gutes Zusammenleben in unseren Dörfern. Wir sind Einheimische und Zugezogene, die Lust haben, unsere Region mitzugestalten, gemeinsam nachzudenken und Engagement zu teilen. Überparteilich und weltoffen – auch wenn der von uns gewählte Name »Talvolk«, eine aus dem Mittelalter überlieferte Selbstbezeichnung aller Menschen hier im Tal, manche stutzen ließ. Auch wir hatten darüber gesprochen, ob diese Namensgebung zur Verwechslung mit völkischen Ideologien führen könnte. Letztlich haben wir uns dazu entschieden, Wörter wie »Volk« oder »Heimat« nicht aufzugeben, sondern stattdessen mit lebensfördernder Bedeutung zu füllen (im Grimm‘schen Wörterbuch von 1854 wird thalvolk übrigens schlichtweg als Synonym für »Talbewohner« geführt). Dies neue buntgemischte Talvolk folgt keiner bestimmten politischen Linie, sondern ist dem gemeinsamen Anliegen der weltoffenen Wiederbelebung unserer Region verbunden.

Seit zwei Jahren treffen wir uns monatlich und »ziehen« wechselnd durch die Gemeindehäuser der vier Dörfer. Diese »Talvolk-Treffen« ermöglichen es, sich besser kennenzulernen, neue Mitwirkende einzubeziehen, uns gemeinsam auszurichten und über die Entwicklungen in den zahlreicher werdenden thematischen Arbeitsgruppen auszutauschen.

Während die einen Mitfahrbänke an den Ortsausgängen errichten und auf eine Mitfahr-App fürs Tal hinarbeiten, entwickeln die nächsten bereits eine solidarische Landwirtschaft, wirkt eine Obstbaugruppe für die Pflege unserer Streuobstwiesen, kümmern sich andere um die monatlichen Dorfkinoabende, wird ein Kulturlandschaftsweg durchs Tal geplant, trifft sich eine Gruppe von Lehrer*innen und Eltern regelmäßig zur Gründung einer Freien Schule. Und wir werden bekannter: Im vergangenen Sommer holten wir den thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow von einer unserer Mitfahrbänke mit der Kutsche ab – wir haben ihm von den kleinen Revolutionen in unserem Tal erzählt.

Inzwischen erhalten wir vielfältige Unterstützung: etwa als gefördertes Projekt des »Neulandgewinner«-Programms der Robert Bosch Stiftung. Wir werden einander vertrauter und unsere Ideen werden mutiger: Im Frühjahr machen wir eine gemeinsame Inspirationsreise zu „Wandeldörfern«, unter anderem nach Flegessen und Heckenbeck. Das nächste Silvesterfest werden wir vielleicht alle zusammen mit der Gemeinschaft auf dem Schloss feiern. Das Integrierende unserer Initiative hat schnell zu einer ausreichenden Zahl an Mitwirkenden geführt und manche Ressentiments gar nicht erst aufkommen lassen. So fühlen sich etwa die Gemeinderäte nicht brüskiert, begreifen sie doch den dorfübergreifenden Ansatz.

Derzeit beginnt unsere Arbeit, auch in die Region hinein auszustrahlen: So arbeiten wir am Aufbau einer Klimaschutzregion im Ilmtal und tun dies gemeinsam mit verschiedenen Thüringer Universitäten, zwei Landkreisen, der Stadt Weimar, Regionalverantwortlichen des LEADER Programms, bürgerschaftlichen Initiativen wie der Transition-Town-Initiative Weimar, der Gemeinwohl-Regionalgruppe Thüringen, dem Nachhaltigkeitszentrum Thüringen sowie innovativen Wirtschaftsunternehmen wie der Energiegenossenschaft Ilmtal oder der Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Weimar. Hier geht es um eine von vielen Menschen getragene Wiederbelebung regionaler Wirtschaftskreisläufe und um die Regeneration unserer Lebensgrundlagen zum Wohl aller. Dabei wird es künftig noch viel mehr zu tun geben. Der Anblick des 2019 erstmals ausgetrockneten Flusslaufs der Ilm steckt uns allen tief in den Knochen. Mögen wir weitsichtig, kooperativ und konsequent genug sein, um dem gerecht zu werden, was die Zeit und unser Gewissen uns abverlangen.

Mehr Informationen und Neuigkeiten hat Thomas Meier (48), Mitbegründer der Lebensgemeinschaft Schloss Tonndorf und Vorstandsmitglied von GEN Deutschland. Als Gemeinschaftsberater befasst er sich mit zukunftsfähiger Dorf- und Regionalentwicklung.

www.schloss-tonndorf.de

Mehr über‘s Talvolk hier

Autor: Thomas Meier
Foto: Kai Eisentraut