Bildungsinitiativen 2020 am Tempelhof

Autor*in: Kira Petersen und Rüdiger Bachmann

Um Kinder zu freien Menschen wachsen zu lassen, braucht es ein ganzes Dorf (afrikanisches Zitat). Und in der heutigen Zeit werden neue Wege in der Bildung immer wichtiger. Wege, die Mut machen für wirkliche Selbstbestimmung, wie junge Menschen sie gerade jetzt brauchen: um ihren ganz eigenen Möglichkeiten und Stile in dieser immer komplexeren, schnelleren und anspruchsvolleren Welt zu finden und die Fähigkeit zu nähren, mit sich selbst, mit anderen und mit der Natur authentisch und tief in Verbindung zu sein.

Wie kraftvoll dafür der Kontext von Gemeinschaft ist, hat sich dieses Jahr am Tempelhof in verschiedenen Bildungsinitiativen gezeigt. Die dorfeigene „Schule für freie Entfaltung“ und der Waldkindergarten stehen jetzt auf soliden Füßen – es war Zeit, neue Räume zu schaffen. Die Waldspielgruppe etablierte sich für Kinder unter drei Jahren, die Orientierungscamps starteten für junge Menschen in den Lebensjahren zwischen ca. 18 und Ende 20 und für Eltern, zukünftige Schulgründer*innen und Menschen, die pädagogisch frei arbeiten wollen gab es einen Erfahrungsraum für freie Bildung

Orientierungszeiten für junge Menschen

Aus der Pfingstkonferenz in Sieben Linden 2017 zum Thema „Gemeinschaftskinder – Aufwachsen zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft“ – sind gleich zwei Initiativen entstanden für junge Menschen nach der Schule. 15 Engagierte vom „Verband“ für freie Bildungsalternativen (www.freiebildungsalternativen.de) kamen Ende Januar zum Tempelhof, um bereits bestehende Initiativen für ein selbstbestimmteres Lernen nach der Schule weiter miteinander zu vernetzen. Sie wollten ergründen, wie sie lernen und leben wollen und neue Initiativen anstoßen. So gibt es z. B. Überlegungen und Ideen für den Aufbau eines übergreifenden Mentor*innen-Netzwerks besonders um GEN Gemeinschaften herum. Sie gaben einen Workshop für 12 Teilnehmende aus der Gemeinschaft und der Umgebung zum Thema „Tauschlogikfreiheit“ und zeigten dadurch, wie fruchtbar neue Impulse von der jungen Generation für Gemeinschaften sein können.

Ein weiterer Funke dieser Konferenz war die Idee von Orientierungscamps für junge Menschen. Der erste Versuch startete im Sommer 2019 – daraus entwickelte sich am Tempelhof für 2020 ein Forschungsprojekt: die Orientierungswerkstätten.
Hierbei geht es um die Entwicklung eines inneren und äußeren Raumes für Orientierung und Anlaufpunktes für junge Erwachsene von ca. 18 bis 28 Jahren.

Das Anliegen der Tempelhof Gemeinschaft ist, dass ein solcher Lebens- und Orientierungsort für junge Menschen entstehen kann. Da wir diesen Erfahrungsort aber nicht vorgeben, sondern gemeinsam mit ihnen in der Forschungsphase entwickeln wollen, haben wir diesen Sommer zwei Camps veranstaltet: ein Orientierungscamp im Juli 2020 und einem Naturbaukunst-Workshop im August 2020. Der Naturbauworkshop steht auch wiederum für den Beginn eines interessanten Projektes zu bewohnbarer Natur (orientierungswerkstaetten@schloss-tempelhof.de).

Zu diesem Experiment kamen 30 junge Menschen aus ganz Deutschland und fanden sich für 10 Tage am Tempelhof ein. Gespräche, Prozesse und Angebote halfen, diese wichtige Entwicklungsepoche der Orientierung besser zu erfassen und gemeinsame Fragen zu bewegen. So ging es z. B. beim Wir-Prozess sehr schnell „ans Eingemachte“, es gab Frauen- und Männerkreise, Mentor*innengespräche und Naturerfahrungsangebote. Es zeigte sich, dass sich ähnliche Entwicklungsprozesse und Strukturen in den Camps gebildet haben wie in den Tempelhofer Formaten des „Gemeinschaftskennenlernens“. Den Jugendlichen waren die Erfahrung von Gemeinschaft und Gemeinschaftsprozessen (große Runden, Gruppen- und WIR-Prozess, u.a.), der Austausch zwischen den Generationen und das Erleben gelebter alternativer Lebensentwürfe besonders wichtig.

Der Einladung zum Naturbaukunstworkshop folgten 17 junge Erwachsene und erlebten bei Sonne, Sturm und Regen intensive Zeiten: Bewegende Sozialprozesse, geistiger Austausch, handwerkliches Wirken (z. B. beim Baum einer Überdachung bei der Außenküche für die Camps), künstlerisches Gestalten (z. B. kreative Möbel aus Wildholz) und viele Freiräume für Kommunikation, Begegnung und Vernetzung haben die Teilnehmer berührt und auch das Team hat sich erfüllt und reich beschenkt gefühlt.

Persönlichkeitsentwicklung, Selbsterkenntnis und ein Wahrnehmen über das, was sich da in der eigenen Biographie ausdrücken will, sind die großen Geschenke einer umfassenden Orientierungsphase. Die in Gemeinschaften regelmäßig stattfindenden Gemeinschaftsprozesse leisten hier eine wichtige Grundlagenfunktion.

Stimmen aus den Camps, die uns sehr beeindruckt haben:

Ich durfte erleben: weitende Liebe, inspirierende Geschenke, offene Arme, liebevolle Unterstützung, Offenheit für Veränderung, Dankbarkeit in mir. Danke! dass wir hier SEIN durften.“

„Was nehmen wir von hier in die Welt mit? Vertrauen ins Leben … Maske ab – zeigen … Utopien … Zuversicht, auf meine innere Stimme zu hören …“

„Besonders berührt hat mich die Erkenntnis, dass man die Geschichte der einzelnen Menschen oder allgemein den Menschen selbst nicht länger kennen muss, um eine tiefe Verbindung und Liebe zu spüren. Und ich denke, dass dies nur dann möglich ist, wenn es dafür ein wohlwollendes, schützendes, achtsames, bedeutsames Setting gibt, das einen aus den Mühlen der Gesellschaft erstmal herausbefördert, um dann zu sehen, was eigentlich zwischenmenschlich möglich ist.“

Anfang November trifft sich das Entwicklungsteam zu einem Klausurtag mit Teilnehmer*innen der Camps und jungen Menschen, die in verschiedenen freien Bildungsinitiativen aktiv sind. Hier wollen wir unsere Vision und Ideen für die Zukunft der Orientierungswerkstätten am Tempelhof weiterentwickeln. Beseelt sind wir außer von jährlichen Camps und verschiedenen konkreten Angeboten zur Persönlichkeitsentwicklung vor allem von der Idee einer festen Gruppe junger Menschen, die für eine längere Orientierungszeit hierher kommt.

Zwischen den Camps bekam der Tempelhof noch einmal Besuch von einer mutigen Initiative von außen: Der Pionierjahrgang des freien Studiengangs „Philosophie und Gesellschaftsgestaltung“ hat sein letztes Seminar vor der Sommerpause im Tempelhof veranstaltet: „Die Gemeinschaft Schloss Tempelhof ist für uns auch deshalb ein spannender Ort, weil hier ganz praktisch ausprobiert wird, wie Menschen zukunftsfähig leben können. Wie wollen wir leben? Auch für uns ist diese Frage von großer Bedeutung. Es ist immer eine schöne Erfahrung, auf dem Weg auf Menschen zu treffen, die mit ähnlichen Anliegen in der Welt unterwegs sind. Wir sind begeistert von den gemeinsamen Bildungsanliegen und freuen uns auf den weiteren Austausch über die Gestaltung von freien Bildungsräumen.“ (Zitat eines Teilnehmers). (www.selbstbestimmt-studieren.org)

Lernreisen für Lernbegleiter*innen

Ein weiterer Impuls mit der Einladung, sich und sein Wirken im Lern- und Bildungsbeziehungszusammenhang zu erkennen und zu verfeinern, ist die Lernbegleiter „HerausBildung“. Diese Entwicklungsreise läuft über zwei Jahre und kann unter anderem vom Arbeitsamt über Bildungsgutscheine finanziert werden. Sie dient als generelle persönlichkeitsentwickelnde Grundausbildung für alle, die lernen wollen, Kinder in ihren Lernprozessen nicht-direktiv zu begleiten. Im Dezember startet der dritte Jahrgang hier am Tempelhof (www.lernenvoninnen-dieakademie.de).

Die überzeugenden Kompetenzen der Lernbegleiter*innen aus der HerausBildung waren für die teilnehmenden Eltern und Schulgründer*innen der Schulerfahrungswoche 2020 an der Tempelhof Schule deutlich sichtbar und faszinierend. Die Teilnehmer*innen konnten selbst wieder in die Kindrolle schlüpfen. Sie versuchten, die Lernumgebungen und den nichtdirektiven Umgang der Lernbegleiter*innen so aufzunehmen, wie es wahrscheinlich die Kinder jeden Tag tun. Bei der Übung wurde klar, was bei uns Erwachsenen auf unserem Lebensweg hin zu der Persönlichkeit, die wir heute sind, alles an Selbstmotivation und Neugier verloren ging. Angeregte Gespräche fanden statt zu Themen wie „artgerechte“ Bildung, gesunde Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern und zwischen Lernbegleiter*innen und den Schüler*innen , zum Umgang mit Regeln und Grenzen und auch zum brandheißen Thema: Wie geht richtiger Umgang mit Medien im Kindes- und Jugendalter? Dazu plant die Tempelhofer Gemeinschaft einen Digitalkongress im Mai 2021. (Schulerfahrungswoche: www.potentialeentfalten.de; Kontakt für den Digitalkongress: rue@lebensecht.de).

Bemerkenswert für die Mehrzahl der Teilnehmer*innen war, dass eine Schule, die eingebettet ist in eine Dorfgemeinschaft, deutlich mehr ist, als eine „normale“ Schule. Es ist ein Lern- und Erfahrungsraum, der natürlich wie das Leben selbst auf die Kinder und auf alle Menschen im Dorf wirkt. Man sieht Kinder, die sich frei und freiwillig in und um die Schule aufhalten und Lernen und Leben als Einheit wahrnehmen. Der Raum für Selbstverpflichtung, Interesse, „Durchhalten“ und Teamarbeit wird über die Schüler*innen- und Lernbegleiter*innengemeinschaft hinaus auch über die Elterngemeinschaft und das restliche Dorf aufgespannt.

Uns gefällt in dem Zusammenhang das kraftvolle Zitat des Reformers Ulrich Zwingli: „Tut um Gott’s Willen was Tapferes!“ Und dazu wollen wir aufrufen: „Gründet tausend neue Schulen“. Auch dabei geht es immer um Gemeinschaften – nicht immer lassen sich Lebensgemeinschaften so umsetzen wie am Tempelhof, der die Schule in seinem Herzen, als Herzstück trägt. Auch Pioniergemeinschaften, Pädagog*innengemeinschaften, Elterngemeinschaften und Verwandtschaftsgemeinschaften wollen gegründet, geformt und stabilisiert werden, bis das Pflänzchen einer Schulgründung ein Baum wird, der Früchte tragen kann.

Herausfordernde Jugendliche

Die unterstützende Rolle der Gemeinschaft wird auch bei den Jugendhilfeprojekten am Tempelhof erkennbar – einer anderen Form der Bildungsarbeit. „Schwierige“ Jugendliche, die in einem nicht-gemeinschaftlich organisierten Umfeld nur sehr aufwändig und mit wenig Verständnis des Umfeldes aufgenommen werden können, finden in Gemeinschaften häufig Halt und ein Wirkumfeld, das von befürwortender Beziehung getragen wird. Hier können diese Jugendlichen in ein gutes Fahrwasser kommen und sich über die Jugend hinaus auch in für die Gemeinschaft nützlichen Aufgaben gesund einbringen. Das Investment in die Verselbstständigung von Jugendlichen, die es nicht so leicht hatten, kann auch für Mitglieder von Gemeinschaften eine Win-Win- Situation sein – für den oder die Jugendliche ist es ein wunderbarer Entwicklungsplatz und Gemeinschaftsmitglieder können über diese Arbeit innerhalb der Gemeinschaft ihr Einkommen erwirtschaften.

Das Thema „schwierige“ Kinder und Jugendliche (oder vielleicht betrifft es ja auch eher die Eltern?) findet einen kraftvollen Impuls in der neuen Väter- und Söhne-Arbeit, die jetzt am Tempelhof startet. Sie greift das Thema gesunde Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern wieder auf. Das dahinter liegende Thema „Beziehung“ und die Frage: „Wie gestalte ich Beziehung besonders auch mit Menschen, die anders sind, als ich mir das vorstelle?“, ist sowohl ein grundlegendes Thema jeder Gemeinschaft als auch der Eltern- Kind-, oder noch spezifischer, der Vater-Sohn-Gemeinschaft. Denn es zeigt sich, dass für alle Söhne, aber auch speziell für alle jungen Männer, die heute häufig als problematisch auffallen, die Vaterbeziehung der Schlüssel für ein gut gelingendes oder eben nicht sehr gut gelingendes Leben ist (www.potentialeentfalten.de).

Diese Arbeit folgt jetzt auf schon bestehende Initiativen in der Elternarbeit und der Fortbildung von Lernbegleiter*innen. Es zeigt sich immer wieder, dass neue Bildungswege nur funktionieren, wenn auch die beteiligten Erwachsenen immer wieder bereit sind, sich kritisch mit ihrer eigenen Lern- und Beziehungsbiographie auseinanderzusetzen und noch einmal ganz neu zu lernen.

Links:

Schule für freie Entfaltung:
www.schloss-tempelhof.de/schule/

Mehr Infos zu den Orientierungswerkstätten und den Camps:
orientierungswerkstaetten@schloss-tempelhof.de

LernBegleiter*innen HerausBildung:
www.lernenvoninnen-dieakademie.de

Schulerfahrungswoche, Gründungsberatung und Väter- & Söhne-Arbeit:
www.potentialeentfalten.de

Verband freier Bildungsinitiativen:
www.freiebildungsalternativen.de

siehe auch: www.orientierungszeiten.info

Die Studiengangs-Initiative Selbstbestimmt Studieren
www.selbstbestimmt-studieren.org