Wenn Moral zu Recht wird, verändert sich die Welt

Autor: Wolf-Christian Hingst

Wie radikal würde sich die Welt verändern, wenn Konzernbosse und Politiker persönlich und in jedem Land der Erde für die Vernichtung von Lebensräumen zur Verantwortung gezogen werden könnten? Zunächst das Ökodorf ZEGG (Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung), kurz darauf auch der Verein GEN Deutschland – Netzwerk der Gemeinschaften sind gerade offizielle Partner der Organisation „Stop Ecocide“ geworden. Der Ökozid, also das Verbrechen gegen natürliche Lebensräume, sollen strafbar werden – dafür setzt sich die Organisation ein.

Als die Initiative Extinction Rebellion an Ostern 2019 die Innenstadt von London friedlich und kreativ blockierte, ist Polly Higgins gestorben. Die schottische Anwältin konnte den großen Erfolg und die weltweiten Auswirkungen der Blockade nicht mehr feiern – aber ihr Lebenswerk „Stop Ecocide“ hat seitdem begonnen, die Welt zu verändern.

Polly war eng mit den Gründern von Extinction Rebellion befreundet und gilt als eine der inspirierendsten Persönlichkeiten der grünen Bewegung. Sie gab eine erfolgreiche Karriere als Rechtsanwältin auf, um sich dem Thema zu widmen: Wie kann Ökozid, also die umfangreiche Beschädigung oder Zerstörung von Ökosystemen, möglichst schnell und möglichst global verhindert werden?

Soziale Kipppunkte: Wenn Moral zu Recht wird

Ihre Idee ist so einfach wie genial: Polly legte der Rechtskommission der Vereinten Nationen 2010 auf der UN Klimakonferenz in Cancún einen Vorschlag vor, wonach Ökozid als fünftes internationales Verbrechen gegen die Menschheit anerkannt werden soll. Er wurde definiert als „umfangreicher Verlust, Beschädigung oder Zerstörung von Ökosystemen eines bestimmten Gebiets, so dass die friedliche Wohlfahrt (original: enjoyment) der Einwohner stark beeinträchtigt wurde oder wird“. Gestärkt wurde sie durch das Wissen um und mit den Erfahrungswerten aus historischen Wendepunkten, wie z. B. als die Sklaverei moralisch vertretbar war und nach dem langsamen Wertewandel in der Bevölkerung dann schlagartig die rechtliche Ächtung folgte, als der soziale Kipppunkt erreicht war. Wenn Moral zu Recht wird, verändert sich die Welt.

„Der Kapitalismus zwingt Unternehmen quasi dazu, alle legalen Möglichkeiten zur Profitmaximierung auszuschöpfen“, erklärt Pollys Nachfolgerin Jojo Mehta. „Immer mehr Manager verlangen daher von der Politik, endlich rechtliche Rahmenbedingungen zu setzen, um die Vernichtung unserer Lebensgrundlagen zu stoppen.“ Zunehmend setzt sich Pollys Idee als ein zentraler Baustein unserer Zukunftsgestaltung durch.

In Ökodörfern wird seit Jahrzehnten im Hinblick auf die begrenzten natürlichen Ressourcen gewirtschaftet. Unter Berücksichtigung von z. B. regionalen Kreisläufen bei Wasser, Energie und Abfallstoffen, versuchen die Gemeinschaften, die ökologischen Kosten zu minimieren, zusätzlich werden natürliche Biotope unterstützt und aufgebaut. So dienen Ökodörfer als Modelle gelebter Nachhaltigkeit – können allerdings nicht verhindern, dass die Ausbeutung des Planeten weltweit voranschreiten. Deshalb ist es wichtig, auch politisch Stellung zu beziehen.

In einem offenen Brief* an die EU fordern tausende Menschen und bekannte Persönlichkeiten wie Greta Thunberg, die Klimakrise endlich mit ganz konkreten Maßnahmen als globale Katastrophe zu behandeln. Die zweite der sieben Forderungen: Ökozid muss als internationales Verbrechen vor dem Internationalen Strafgerichtshof geahndet werden. Und der von Präsident Macron eingesetzte französische Klima-Bürgerrat schlägt die strafrechtliche Verfolgung von Ökozid sogar als erste seiner 149 Maßnahmen vor.

Die Kraft der Kriminalisierung von Naturzerstörung

Auch in Schweden, den Niederlanden, Belgien und Großbritannien gibt es starke Initiativen, um Ökozid endlich zum international anerkannten Verbrechen zu machen. „Unter dem zunehmenden Druck beginnen Konzerne und Versicherungen bereits, ihre Investitionen zu ändern“, berichtet Jojo Mehta. „Leider fehlt es insbesondere in Deutschland noch an einem breiten Bewusstsein für die Tragweite des Themas“, bedauert sie.

Das möchten die Menschen in Ökodörfern ändern und das Thema Umweltzerstörung auf die Agenda nehmen, Gäste darüber informieren und auf Festivals dazu sprechen. Je mehr Menschen, Interessengruppen, Politiker*innen und Journalist*innen die Kraft der Kriminalisierung von Naturzerstörung erkennen und Ökozid als Verbrechen bezeichnen, desto stärker wird die Dynamik für die erforderlichen Gesetzesänderungen. Im ZEGG gab es dazu bereits innerhalb der Gemeinschaft einige Diskussionen und auch beim Sommercamp wurde das Thema vorgestellt.

Ökodörfer und Gemeinschaften können mit ihren vielfältigen Kontakten und Seminarbetrieben als Multiplikatoren eine wichtige Rolle spielen. Auch jeder und jede Einzelne kann, indem sie über die Idee spricht, den notwendigen Wertewandel stärken, den es braucht, damit Moral zu Recht wird.

Weitere Artikel und Informationen zum Thema:

https://www.stopecocide.earth/read

*https://climateemergencyeu.org/