Autor*innen: Tino Horack, Stefanie Raysz

Die wunderschöne Kulisse des Schlosses und Hotels in der Gemeinschaft Schloss Blumenthal erstrahlte im März in einem Lichterfeld in Orange. Bei näherer Betrachtung ist es weniger Idyll als Weckruf: Die Leuchten sind aus gebrauchter und am Strand zurückgelassener Schwimmwesten gefertigt.
Flucht als einziger Weg aus dem Unglück – darauf will die Lampeninstallation von Markus Heinsdorff aufmerksam machen. Mit den Leuchtzeichen als Kunst soll die kommende Welle der Flüchtlingsströme angezeigt werden. Die Aktion hat der 66-Jährige aus München, ein international bekannter Künstler, in Zusammenarbeit mit Schloss Blumenthal erschaffen.

Eine aufgeregte und freudige Stimmung herrschte am Platz zur Eröffnungsfeier des Kunstwerks Anfang März 2021, zu der auch über 100 Menschen online zugeschaltet waren. Die Leuchten werden nun zwei Monate glühen und anschließend verkauft, so dass sie ab 1. Mai andernorts aufgestellt und als Zeichen der Solidarität erinnern können. Die Erlöse gehen an Initiativen, die sich für Flüchtlinge engagieren.

Die Projektidee und -geschichte im Überblick

„Licht an für mehr Menschlichkeit“ ist das Motto der „Kunst-Landschafts-Installation“ des Künstlers Markus Heinsdorff. Auf drei Rasenflächen im Innenhof des denkmalgeschützten Anwesens werden über 750 qm mit Leuchten aus orangefarbenen Schwimmwesten-Stoff von aus dem Mittelmeer geretteter Flüchtlinge illuminiert. Über das Medium Kunst soll auf das Thema Flucht und die damit verbundenen sozialen Brennpunkte in Europa aufmerksam machen. Seit längerem beschäftigen sich zahlreiche Blumenthalerinnen sowie der Künstler Heinsdorff mit der Frage, wie man sich – scheinbar weit entfernt von den Flüchtlingslagern rund um das Mittelmeer – effektiv engagieren kann.
Mit Spendensammlungen und Informationen unterstützte die Gemeinschaft in den letzten Jahren bereits das Lager Moria in Griechenland. Doch seit Corona hat sich nicht nur die wirtschaftliche Situation in Europa, sondern auch die Lebensumstände für Geflüchtete aus Krisen- und Armutsgebieten in den Lagern drastisch verschlechtert. Nach wie vor ertrinken zahlreiche Menschen im Mittelmeer. Für sie sind in Signalfarben leuchtende Schwimmwesten zum Symbol geworden.

Das Projektkonzept

Es war und ist das Anliegen des Künstlers, diese Westen und die mit ihnen verbundenen vielfältigen Einzelschicksale und Geschichten zu einem großen Ganzen zusammenzufügen: die Idee des orangefarbenen Leuchtstelen-Feldes war geboren. Auf fünf Flächen wurden 144 Holzstelen errichtet, jede davon ist 4 m hoch und mit einer 40 cm hohen und 26 cm breiten Leuchte versehen. Die Leuchte besteht aus zusammengesetzten Teilen benutzter Schwimmwesten von den Stränden Griechenlands. Dafür haben die Fotografen und Künstler Fred George und Andrew Wakeford 123 Schwimmwesten zur Verfügung gestellt, die bereits in früheren Kunstinstallation verwendet worden waren (http://www.lifejacketproject. org). Jede Leuchte zeigt Gebrauchsspuren, Salzrückstände und Verwitterungen der Stoffe. Auch Westen mit Füllung, die keinerlei Schwimmeignung haben und trotzdem an die Flüchtenden ausgegeben worden, wurden verarbeitet – und zeigen somit ein weiteres Drama der „Fluchthilfen“ auf.
Unter Anleitung des Künstlers und des Produktionsleiters Bastian Klaes wurden alle Einzelteile per Hand gefertigt. Über 60 Helferinnen haben sich in unzähligen Stunden ehrenamtlich engagiert. Es wurden 150 Stelen achteckig gesägt, 300 Holzkreise und 450 Leisten geschnitten, 150 Rechtecke genäht und getackert, 2400 Drahtenden verzwirbelt, 1100 m Stromlitzen verspannt, 300 LED-Lampen verkabelt, 222 selbst geschweißte Erdanker im Boden versenkt und die 144 Leuchten mit Hilfe von je 4 Drähten akkurat und präzise ausgerichtet. Jede Leuchte hat zwei LED-Lampen, die mit Beginn der Dämmerung zu glühen anfangen.
So entsteht innerhalb des historischen Ambientes von Schloss Blumenthal ein magisches orangeglühendes Leuchtenfeld stellvertretend für Millionen von Menschen, die sich auf der Flucht befinden.

Das Projektziel

Mit dem Projekt möchten die Gemeinschaft Blumenthal und Markus Heinsdorff ein eindrückliches Zeichen für mehr Menschlichkeit setzen, das ab 1. Mai in ein Folgeprojekt übergehen soll: Interessierte Personen können eine der Leuchtstelen erwerben und diese am Ende als Einzelobjekt (mit Signatur) bei sich oder an einem anderen geeigneten Ort dauerhaft aufstellen. Jeder kann so durch Kunst persönliches Engagement zeigen und ein Zeichen der Solidarität setzen. Bis auf die Materialkosten werden alle Erlöse an ausgewählte Organisationen gespendet, die sich auf drei verschiedenen Ebenen engagieren: Direkt- und Akuthilfe auf der Insel Lesbos; Rechtshilfe, um einen Wandel in der „Flüchtlingspolitik“ auf juristischer Ebene zu erreichen und Integrationshilfe zur Förderung geflüchteter Menschen in Deutschland. Vor Ort bei der Installation und auf der Website: leuchtenfeld.schloss-blumenthal.de werden alle Termine, Erwerbs- und Unterstützungsmöglichkeiten benannt und weitere Informationen zum Projekt, zum Thema Flucht und zu den Spendenzielen aufgezeigt.

Der Ausstellungsort

2006 wurde die Gemeinschaft Blumenthal gegründet, die das gleichnamige Schloss und dessen Wirtschafts- und Wohngebäude (jahrhunderte lang in Besitz des Deutschen Ordens und später der Fugger) erwarb, behutsam restaurierte und auch für die Öffentlichkeit zugänglich machte. Für ihr Engagement im Bereich Soziales, Kunst und Kultur, Ökonomie, Ökologie und Gesundheit und Bewusstsein ist das Gemeinschaftsprojekt bekannt geworden. Im sogenannten „Lernort für eine gelebte Zukunft“ mit seiner nachhaltigen Bewirtschaftung, ökologischem Landbau und Wissenstransfer durch Bildungsarbeit und Seminarbetrieb, werden in Zeiten von Klimawandel und sozialen Umbrüchen nachhaltige Lebensformen praktisch erprobt und gelebt.

Überregional ist die Gemeinschaft mit über 40 Erwachsenen und knapp 20 Kindern geschätzt für kulturelles und künstlerisches Engagement und Festivals. Als Pioniere der Nachhaltigkeit, setzen sie sich ein für einen ganzheitlichen Blick auf die gesellschaftlichen, sozialen Zusammenhänge momentaner Fragen. Darunter fällt auch das Thema der Verantwortung für Geflüchtete weitab der Meere und Strände.

Für Markus Heinsdorff, der 2018 Blumenthal erstmals besuchte, ist hier der richtige Ort und dieses Jahr der richtige Zeitpunkt für ein Kunst-Kooperationsprojekt in dieser Größe und Ausrichtung.
Heinsdorff arbeitet als international anerkannter Künstler und sieht seine Werke als experimentelles Zukunftslabor mit dem Themenschwerpunkt Umwelt und Soziales. In Kooperation mit der TU München erforscht er, wie man extrem günstig aus Recycling oder Abfall klimatisch angenehme, wohnliche Häuser bauen kann – so z. B. in Afrika. Er entwirft und realisiert in Tunesien architektonisch gestaltete Wertstoffhöfe als Zentren der Begegnung. Mit Studenten entwickelte er ein mehrfach mit Preisen ausgezeichnetes mobiles Kleinstwasserkraftwerk für Entwicklungsländer. Ein Prototyp seiner 10 m hohen Wassertankstelle mit Windturm entstand vor drei Jahren in Sansibar, wie auch ein Turm mit 50 qm Fassade, gebaut nur aus gesammeltem Plastik aus dem Meer bei Kapstadt.
Heinsdorffs Objekte, Installationen und Architekturen wurden in vielen Ländern wie z. B. China, Indien, Indonesien und Ländern Südamerikas ausgestellt. Durch die Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt und dem Goethe-Institut wurden immer eine breite Öffentlichkeit und eine hohe Medienpräsenz erreicht.

Weitrere Informationen unter:

leuchtenfeld.schloss-blumenthal.de

Link zum Video:
vimeo.com/516406048?fbclid=IwAR0oKzHkBAbF0RKbko6HiJ3rp97zSD_TlLVb4uO269vj14DOfd_7JBenxzs

BR Mediathek:
br.de/mediathek/video/kunst-gegen-das-verdraengen-stelen-aus-schwimmwesten-av:6061d5ece487b100137854b8