Autor: Hermann Haring

Dieses Jahr ist Jubiläum: Bereits seit drei Jahrzehnten besteht das ZEGG, das „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung“ in Bad Belzig, südwestlich von Berlin. Das heute von 110 Menschen gebildete Gemeinschaftsexperiment und Tagungs- und Seminarzentrum feierte unspektakulär, ohne große Festlichkeiten. Das lag an den durch Corona bedingten Besuchseinschränkungen. Dazu passt, dass die Gemeinschaft im Jubiläumsjahr auch keinen leichten Stand mit sich selbst hat. Sie befindet sich in einer intensiven Phase der Auseinandersetzung und Besinnung, in der es um Entwicklung des Einzelnen und des Gemeinschaftskörpers geht. Und um die Verständigung unterschiedlicher Sichtweisen. Die atmosphärische Unruhe in der Gemeinschaft entspricht dem transformatorischen Zeitgeist. Er ruft dringend nach einer Vertiefung der Handlungskonzepte und einer klaren Verantwortungsübernahme für eine gewaltfreie, liebende und deshalb in Verbindung zur Schöpfung stehende Seinsweise. Im Inneren des Menschen und seiner sozialen Gestaltung braucht es mehr Wahrheit und Vertrauen, um den Herausforderungen der nahen und weiteren Zukunft gewachsen zu sein. Schon vor drei Jahrzehnten war das ein zentrales Anliegen, mit dem das ZEGG in die Welt gesetzt wurde.

Die Anfangsjahre

In der sich entwickelnden Gemeinschaftsbewegung der neunziger Jahre war das ZEGG anfangs umstritten. Rückblickend war sicherlich einer der Gründe, dass sich im ZEGG viel um die Reizthemen Liebe und Sexualität drehte, um die Sehnsucht und die Unerfülltheit in uns allen. Und die visionären Einstellungen wurden im Alltag oft noch nicht umgesetzt, so dass manche Botschaft, die sich nach außen verbreitete, auch ideologisch ankam. Es braucht seine Zeit, bis mensch sie in der Tiefe begriffen hat und leben kann.

Das ZEGG entstand aus der „Bauhütte“, dem von Dieter Duhm 1978 begründeten Gruppen-Erforschungsexperiment, das sich schnell zu einem ganzheitlichen Gemeinschaftsprojekt entwickelte. Nach dessen Ablauf gründeten 40 – und damit fast alle – Teilnehmer*innen zusammen mit einem Freundeskreis von weiteren 40 Leuten das ZEGG.

Dessen Konzept hatte noch Dieter Duhm formuliert. Er entschied sich aber, zusammen mit Sabine Lichtenfels in Portugal das „Heilungsbiotop“ genannte Projekt „Tamera“ aufzubauen. Pressekampagnen, die schon der Bauhütte das Leben schwer gemacht hatten („Mit Sex gegen die ökologische Katastrophe“) und die nach Gründung des ZEGG wieder aufflammten, veranlassten die Tamera-Gründer, in größerer Ruhe am Rande Europas zu arbeiten. Ihre Vision dort war und ist, das Wesen des Menschen tiefer zu erforschen und seinen Lebensraum vom sozialen Miteinander hinein in viele kulturelle Errungenschaften wie Energieversorgung, Nahrungsanbau oder Heilungswissen aus dem Kontext struktureller Gewalt zu lösen und neu zu gestalten.

Konsolidierung in Gemeinschaft und Bildungsbereich

Der Verlust des langjährigen „Top-Trainers“, würde man im Fußball sagen, war für die verstärkte Bauhütten-Crew ein herber Schlag. Es richtete das ZEGG mangels eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin aus auf die Entwicklung neuer Leitungsformen und etablierte mehr und mehr eine möglichst flache Hierarchie.

Es bildeten sich Untergruppen, die als Arbeitskreise Entscheidungsmacht hatten, wobei die letzte Entscheidung in strittigen Belangen im Plenum im Konsens getroffen wurde. Später entwickelte das ZEGG diese Arbeitskreise nach holokratischen, dann nach soziokratischen Kriterien weiter. Ein Koordinationskreis wurde eingerichtet („Management“), der Konsens durch den Konsent ersetzt, soziokratisch moderiert und wählt. Gleichzeitig entstehen Hierarchien jenseits der Struktur. So gibt es Persönlichkeiten, an denen sich die Gemeinschaft orientiert. Es sind Menschen, die Vertrauen auslösen mit profunder Kenntnis menschlicher Denk- und emotionaler Reaktionsweisen, vor allem ihrer eigenen.

In der ZEGG Struktur gibt es also inzwischen Menschen, die mehr Entscheidungsmacht haben als früher im reinen Konsens – auch Geschäftsführung und Bereichsleiter*innen unseres Betriebes. Ihre Entscheidungen können aber jederzeit hinterfragt und von der Gesamtgemeinschaft gestoppt oder besser modifiziert werden im Sinne einer möglichst viele Aspekte integrierenden Lösung.

Rechtlich ist es so, dass die gGmbH inzwischen einem Verein gehört, in dem alle fest aufgenommenen Menschen der Gemeinschaft Mitglied sind.

Worauf wir heute zurückblicken

Drei Jahrzehnte an einem Ort zu leben und ihn zu gestalten, trägt sehr sichtbar ökologische Früchte. Auf dem 14, später 16 Hektar großen Gelände, das zu DDR-Zeiten die Spionageausbildung des Staatssicherheitsdienstes beherbergte und auf märkischem Sandboden ziemlich öde bewachsen war, entstand seit 1991 auch ein ökologisches Modellprojekt. Erträumt und umgesetzt war es ein Einsatz zur Wiederbelebung natürlicher Vielfalt, Schönheit und Fruchtbarkeit, mit Pflanzungen von enorm vielen Bäumen und Sträuchern, Bodenverbesserung und der Anlage eines Gartens. Heute versorgt er die Bewohner des ZEGG und die Gäste zu etwa zwei Dritteln – aufs Jahr gerechnet – mit frischem Bio-Gemüse, Obst und Kräutern. Auch im Bereich des Energiebedarfs nähert sich das ZEGG einer eigenen Vollversorgung.

Gasthelfer*innen haben bei Aktionswochen viel zu diesem Stand beigetragen. Darlehen und Spenden von Besucher*innen und Freund*innen haben die wirtschaftlichen Belange des ZEGG vor allem im Investitionsbereich unterstützt.

Das ZEGG erlebte Phasen der intensiven Lebensforschung und von Alltagsagonie, baute aber kontinuierlich den Bildungsbereich auf und aus, der die Lebensweise vermittelt und erfahrbar macht, dem Austausch mit Gleichgesinnten dient und die wirtschaftliche Basis des Projektes bildet.

Die Tausende von Gästen, die alljährlich zu den großen Festivals und vielen Seminaren und Workcamps kommen, sind ein Segen für das ZEGG und für die Stärkung und Verbreitung der Vorstellung einer anderen Lebensmöglichkeit. Sie stellen aber auch eine Herausforderung für die gemeinschaftliche Entwicklung dar, die ihre Ruhe- und Verdauungszeiten braucht, um ihre eigene Vision nicht zu verlieren.

Baurechtliche Anforderungen forcierten in den Jahren vor Corona noch die äußerlichen Aktivitäten. Viele Bauprojekte erledigt im ZEGG inzwischen das eigene Bau- und Geländeteam.

Seit langem schon werden Menschen aus dem ZEGG weltweit von Gemeinschaften und Gemeinschaftsprojekten angefragt, ihr Wissen und die Formen und Handwerkszeuge zu teilen, die den Aufbau gemeinschaftlicher Lebensformen fördern und erhalten, wie z. B. das Forum. Im Fläming, der Region, in der das ZEGG liegt, haben sich mehrere Hundert Menschen angesiedelt, die der Gedankenraum des ZEGG inspiriert hat. Anders denken ist im Fläming auch ein Wirtschaftsfaktor geworden, was die Kontakte zu kommunalen und regionalen Körperschaften unterstützt.

Im Fläming-Netzwerk finden sich auch mehrere kleinere Gemeinschaftsprojekte, die Menschen gegründet haben, die aus dem ZEGG ausgezogen sind. Die Fluktuation in der Gemeinschaft war immer groß, in den frühen Jahren vor allem durch die Gründung von Tamera. Manchmal in diesen 30 Jahren war es nicht einfach, zu überleben.

Gemeinschaft als gelebte Praxis

Wir verstehen Gemeinschaft nicht als Wohlfühlinsel, sondern als nachhaltiges Lebenskonzept. Sie ist nicht irgendwann da und dann hat man sie. Sie entsteht durch das Bewusstsein und durch die gelebte Praxis ihrer Mitglieder.

Transparenz in wesentlichen Lebensbereichen wie der Liebe oder den eigenen Schatten ist nach wie vor ein Ziel im ZEGG. Sie schafft Vertrauen, den Nährboden jeder Gemeinschaftsentwicklung. Aus dem Vertrauen heraus können eingefahrene Strukturen und Muster des Ganzen und der Einzelnen konstruktiv hinterfragt werden. Dies ist ein zentraler Baustein auf dem Weg der Bewusstseinsentwicklung und kulturellen Veränderung, die wir jetzt brauchen.

Information Beitragsbild:

Titel: Mittagessen im Sommercamp in einer der Festivalküchen im ZEGG