Autorin: Barbara Stützel

Dieter Federlein verstarb am 9. Dezember 2020 mit 82 Jahren, er lebte noch bis Oktober noch in Sieben Linden. Nach seinem fünften Schlaganfall nahm seine Demenz nochmal zu, sodass er in ein Pflegeheim in der Nachbarschaft umzog. Dort hat er sich erstaunlich schnell wohlgefühlt und genossen, dass dort stets professionelle Unterstützer*innen für ihn da waren. Regelmäßige Besuche aus und in Sieben Linden waren Höhepunkte in seinem neuen Alltag.

Dieter wurde am 21. November 1938 als ältester Sohn einer Stellmacherfamilie in Königsberg geboren. Hier erlebte er während des Krieges noch Luftangriffe in seinem Elternhaus, er befand sich im Keller, als sein Haus getroffen wurde. Die Familie floh 1943 nach Bärenstein im Erzgebirge, hier wuchs Dieter in der noch jungen DDR auf und machte eine Stellmacherlehre bei seinem Vater. Er war damals schon sehr sportlich und gewann Preise im Geräteturnen.
Ihn inspirierten Indianerbücher sehr, v.a. das Buch „Blauvogel, Wahlsohn der Irokesen“ und wollte in die USA reisen, um den Indigenen ihr Land wiederzugeben. So machte er sich mit dem Fahrrad über die halboffene Grenze auf in den Westen mit einer Reisegenehmigung, um Verwandte zu besuchen. Er folgte einfach der Landstraße und wurde am Todesstreifen festgenommen und in Magdeburg verhört. Aber da er ja eine Reisegenehmigung hatte, konnte er die Reise fortsetzen und siedelte so in den Westen um.

Hier arbeitete er u .a. beim Zirkus Hagenbeck als Akrobat und Helfer. Und unternahm die erste von vielen langen Fahrradtouren bis Marokko.
1962-1965 studierte er Sozialpädagogik. Da er sich damit aber als „Arzt am Krankenbett des Kapitalismus“ sah, wollte er es nicht weiter machen, sondern lieber anders die Welt retten. Also sattelte er um auf Lehramt.
Er lernte seine Frau Inge kennen und bekam mit ihr drei Söhne. Bis in ihre Jugendzeit begleitete er sie. „In meinen Kindern möchte ich weiterleben“, sagte er zu Holger, seinem Biograph.

Wie kann man die Welt nachhaltig verändern? Dies war immer sein Thema. Er war voller Empörung gegen die Ungerechtigkeiten und immer auf der Suche nach dem archimedischen Punkt, mit dem man die Welt aus den Angeln heben kann.
1968 kam die Studentenbewegung – er gründete eine sozialistische Initiative mit. Dann bekam er seine Lehrer-Anerkennung und arbeitete eine Zeit als Lehrer. Er war SPD-Mitglied aus Angst vor Berufsverbot. Auch war er im Presbyterium der ev. Kirche und Gewerkschaft aktiv.
1983 wurde er friedlich geschieden.

Er lernte Rudolf Bahro kennen und lebte mit ihm in einem Gemeinschaftsprojekt in Niederstadtfeld in der Eifel. Als Bahro 1991 durch Kurt Biedenkopf in Sachsen das Gut Pommritz mit dem Auftrag bekam, dort ein Modell zukunftsfähigen Lebens und Arbeitens zu entwickeln, gehörte Dieter zu den Initiatoren des daraus entstehenden LebensGuts. Fast 10 Jahre wirkte er an dessen Aufbau mit. Dann zog er weiter, zuerst ins ZEGG und von dort in dessen Nachbarschaft in Bad Belzig. Hier arbeitete er eine Zeit lang wieder als Sportlehrer in der Freien Schule. Und 2002 zog er um nach Sieben Linden. Lange lebte er im Bauwagen, fuhr weiterhin die meisten Strecken mit dem Fahrrad, z. B. die 170 km von Sieben Linden nach Belzig in einem Tag.
Seine letzte große Fahrradtour führte ihn 2010 zur GEN-Konferenz nach Italien. Auf der Rückfahrt war er trotz seiner mittlerweile 72 Jahre so fit, dass er die Alpen in nur 2 Tagen überquerte. Umso bitterer war es dann für ihn, als sein Körper später nicht mehr wollte und er in seinem Bewegungsdrang immer eingeschränkter war.

Dieter beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit Philosophien der Veränderung. Dies war nach der „Logik der Rettung“ von Rudolf Bahro, die Viergliederung des Staates nach Johannes Heinrichs,
Ken Wilber und Spiral Dynamics, die Bewegung „Neu-Deutschland“, später dann Clinton Callahans Possibility Management. In all diesen Gedankenwelten gründete er immer wieder Gesprächskreise, schrieb Aufrufe und setzte sich für die Verbreitung dieser Transformationsgedanken ein. Obwohl er in seiner Vehemenz auch penetrant sein konnte, inspirierte er viele Menschen durch seinen großen Geist. Und sein Wunsch, diese Welt zu retten, gründete in einer tiefen Liebe zur Schöpfung. Gerade auf seinen zahllosen Fahrradtouren fühlte er sich dem Göttlichen sehr nahe.

Sancho, wie er sich dann in Sieben Linden nannte, war ein lebhafter Denker, Herzensmensch, Clown, Fahrradmechaniker, Liebhaber, Sportler, Revolutionär, Selbsterforscher und Lehrer – und nicht in eine Schublade zu stecken. Er hat uns immer wieder mit seinem unruhigen, politisch-philosophischen Geist erfrischt und herausgefordert – sein Leben war der Suche nach dem Schlüssel zur Weltrettung gewidmet. Nicht nur in seinen akrobatischen Hand- und Kopfständen (die er bis etwa zum 75. Lebensjahr gern und oft praktizierte) hat er Selbstverständlichkeiten auf den Kopf gestellt.
Zu seinem 80. Geburtstag schrieb Barbara Stützel aus dem ZEGG ein Lied auf ihn, das auch auf seiner Bestattung auf dem Poppauer Friedhof gespielt wurde.

Hier ist die „Hymne für Sancho“ digital hinterlegt:
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