Autorin: Eva Stützel

Wie es uns in unserer Gemeinschaft geht, hängt nur zum kleinen Teil an der Gruppe an sich – viel wesentlicher sind Gedanken, Reden und unsere persönliche Herangehensweise an die Herausforderungen des Kollektivs.

Als Gemeinschaftsberaterin hatte ich die Gelegenheit, viele Menschen in unterschiedlichen Gemeinschaften kennenzulernen und teile hier ein paar sichere Tipps, wie das Unglücklichsein in Gemeinschaft funktionieren kann.

Verurteilen:

Bombensicher die beste Zutat zum Unglücklichsein ist es, abwertend über die Gemeinschaft und das, was darin passiert, zu denken und zu sprechen: „Typisch unser Projekt – das musste ja schiefgehen!“, „Wieder eine Sch…-Stimmung hier!“, „Das sind echt alles Idioten hier!“, „Dass auch keiner mal Verantwortung übernimmt!“.

Wenn ich mich in verallgemeinernd-negative Gedanken über meine Gruppe oder auch über einzelne Gruppenmitglieder begebe, erschaffe ich damit ein Stückchen Realität. Gedanken in Worte gefasst und mit anderen geteilt, verstärken diese Stimmung im Projekt und bringen andere dazu, ähnlich zu denken und zu sprechen. Damit potenziere ich den Prozess.

Wie jetzt, soll ich mir selber alles schönreden und nur noch die rosarote Brille aufziehen? Das kann ja wohl nicht wahr sein! Irgendjemand muss die Dinge, wo etwas schiefläuft, doch ansprechen!

Bingo! Über alle Schwierigkeiten hinwegzusehen und sich einzureden, es sei doch alles gut, ist das zweitsicherste Rezept zum langfristigen Unglücklichsein. Das geht eine Weile gut, aber unter der Oberfläche staut sich die Unzufriedenheit trotzdem an. Irgendwann bricht der Damm – und dann gibt es kein Halten mehr und der angestaute Frust ist dann in der Regel so groß, dass sich nach dem Dammbruch nichts mehr kitten lässt. Es kommt zum Eklat.

Was also?

Wenn wir Kritik dafür nutzen, unseren persönlichen Frust abzulassen oder um uns dadurch über andere zu stellen, tut uns das kurzfristig gut – daher gibt es in jedem von uns eine Tendenz, negative Aussagen über andere oder anderes genau dafür zu nutzen.

Entladung ist wichtig:

Manchmal braucht wirklich es eine „Entladung“, eine „Entlassung von Emotionen“, durch die wir unseren Frust ablassen. Das ist auch okay. Wichtig ist, dass bei einer derartigen „Entladung“ beiden – der gefrusteten Person wie auch der oder dem Empfänger*in – bewusst ist, dass das, was abgeladen wird, nicht die Wahrheit über „das Projekt“ oder „das A…loch“ ist, das uns gerade geärgert hat. Es ist Ärger oder Traurigkeit, die mal ein Ventil braucht. Anschließend ist meist der Weg wieder frei und ein gemeinsamer Blick möglich auf das eigentliche Konfliktthema. Dieser nächste Schritt ist wichtig. Er entscheidet über unser eigenes persönliches Wohlfühlen in Gemeinschaft wie auch über das Gruppenklima.

Wie kann eine Kritikkultur aufgebaut werden, die Schwachpunkte anspricht und trotzdem Verbindung schafft?

Steigt jemand oder man selber ins „Meckern“ ein und spricht verurteilend-abwertend über die Gemeinschaft oder über Einzelne, gibt es einige hilfreiche Schritte, um zu einer konstruktiven Konfliktkultur zu gelangen.

1. Dem Gefühl dahinter Raum geben:

Empathie, Empathie, Empathie! Sie ermöglicht einen Raum des Vertrauens für die Frustration und daraus resultierende Gefühle. Sie gibt der aufgeregten Person die Möglichkeit, sich ihrer Emotion gewahr zu werden und anzunehmen. „Das macht Dich wütend, oder?“ Solche Fragen machen ihr klar, dass es nicht ums „Abbügeln“ ihrer Bedürfnisse und der (sicher zumindest in irgendeinem Teil) berechtigten Kritik geht, sondern dass sie mit ihren Gefühlen und ihren Sichtweisen ernst genommen wird.

Das Prinzip gilt für unsere inneren Dialoge genauso wie für die Interaktion mit anderen! Viele von uns haben gelernt, Ärger nicht zuzulassen und ihn mit uns selber auszumachen. Damit verlieren wir aber seine Kraft: „Hier läuft etwas schief!“ Den Ärger erst einmal wahrnehmen und spüren, ist ein wichtiger erster Schritt zur konstruktiven Konfliktbewältigung.

Wer kennt das nicht: Wenn Menschen den Ärger zulassen, gibt es die Tendenz, ihn einfach über die Zielperson „auszuschütten. Meist ist das wenig hilfreich. Der Ärger hat immer auch viel mit mir zu tun. Er zeigt, dass ein tiefer Wert von mir berührt wurde. In dieser Erkenntnis liegt sein eigentlicher Schatz, den es als erstes zu erkennen gilt. Also: Durchatmen, die Gefühle wahrnehmen und da sein lassen. Dann ist ein konstruktiver Dialog möglich.

2. Nach konkreten Handlungsansätzen fragen

Der nächste Schritt zu einer konstruktiven Verbesserung des eigenen inneren und des Gemeinschaftsklimas ist dann, nachzufragen, um die destruktiven Gedanken auf ihren konstruktiven Kern hin untersuchen zu können. „Warum ging das schief? An welchen Merkmalen hätte man das erkennen können?“, „Hast Du eine Idee, wo die Stimmung herkommt?“, „Ist es immer so oder nur gerade jetzt?“, „Wie meinst Du das?“

Diese Fragen machen konkret sichtbar, wo es Handlungsbedarf gibt und an welchen Punkten die Gruppe etwas lernen und verändern kann. Sie eignen sich sowohl für das Gespräch mit einem frustrierten Gruppenmitglied wie auch für den inneren Dialog in Konflikt- und Frustrationsmomenten. Und für sich selber!

3. Die innere Haltung: Love it, change it or leave it.

Alle (erwachsenen) Menschen sind in erster Linie selber für ihr Leben verantwortlich. Selten ist jemand wirklich gezwungen, in einer unangenehmen Situation zu verharren – gerade in Gemeinschaften, Teams oder Initiativen gibt es häufig eine Wahl.

Es tut immer gut, sich daran zu erinnern, dass es drei Möglichkeiten gibt:

  • Die Situation verlassen, wenn das Negative längerfristig überwiegt.
  • Die Situation zu verändern, wenn es nicht so läuft, wie gewünscht.
  • Oder sich mit dem zu arrangieren, wie es läuft und das Gute darin zu erkennen, vielleicht sogar, es lieben zu lernen.

Niemand ist das Opfer seiner doofen Gemeinschaft. Alle haben die Situation auch mit erschaffen und können sie auch wieder verändern oder verlassen.

4. Gemeinschaftliche Verabredung zum konstruktiven Umgang mit Frusterfahrungen.

Gemeinsam Frust ablassen schweißt zusammen. Wie gesagt, wenn das aber zu einer Verfestigung von negativen Gedanken durch Wiederholung führt, wird es die Realität negativ beeinflussen.

Frust lässt sich aber gerade in Gemeinschaft konstruktiv umwandeln mit einem ganz einfachen Trick: Verabredet euch untereinander, euch Raum zu geben, hemmungslos und mit eigenen Worten den Ärger loszuwerden, aber dabei auch bewusst zu kommunizieren, dass es ein Raum für „Entladung“ und nicht die „Wahrheit“ ist. Sprecht danndas Ziel, die Situation konstruktiv verändern zu wollen, sehr bewusst an! Macht Euch gegenseitig aufmerksam, wenn Ihr in unkonstruktivem Sprechen verharrt.

Fazit

Die eigene reflektierte Haltung zu uns und der Umgang mit dem, was nicht nach unseren Vorstellungen läuft, ist eine elementare Grundlage für das eigene Glücklich-Sein in wie auch für das Klima der ganzen Gemeinschaft.

Gelingende Konfliktbewältigung braucht eine Verbindung zwischen „Gefühlen Raum geben“, „Kritikpunkte konstruktiv ansprechen“ und die Entscheidung „nach Änderungen suchen, es akzeptieren oder die Situation verlassen“.


Der Artikel gehört zu den Veröffentlichungen rund um den „Gemeinschaftskompass“. Wer mehr Interesse an Informationen zum „Gemeinschaftskompass“ hat, findet sie auf der Website von Eva Stützel, Mitbegründerin des Ökodorfs Sieben Linden. Dort gibt es auch die Möglichkeit, das dazugehörige Buch zu bestellen.

„Der Gemeinschaftskompass –Eine Orientierungshilfe für das kollektive Leben und Arbeiten“. Oekom Verlag, 2021.